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Innovative Verpackungskonzepte

22.02.2021

Innovative Verpackungskonzepte: Warum ein Reuse-System die nachhaltigste Lösung ist

Peter Désilets, Geschäftsführer und Mitgründer der pacoon GmbH

Peter Désilets, Geschäftsführer und Mitgründer der pacoon GmbH

Interview mit ProSweets-Partner PACOON, der führenden Agentur Deutschlands für Packaging Design und nachhaltige Verpackungslösungen

Peter Désilets ist Geschäftsführer und Mitgründer der pacoon GmbH mit Sitz in München und seit Januar 2018 auch einem Büro in Hamburg. PACOON ist die führende Agentur Deutschlands für Packaging Design und nachhaltige Verpackungslösungen.

Seit über 10 Jahren verfolgt das Unternehmen die Entwicklungen bei Nachhaltigkeit und organisierte vier Mal die ‚SOLPACK – internationale Konferenz für nachhaltige Verpackungen’.

PACOON veranstaltet Schulungen und Workshops und informiert, motiviert und unterstützt Unternehmen bei der Sondierung und Entwicklung von Lösungsansätzen. Die Agentur hat ein breites Netzwerk an Lieferanten und Instituten und ist selbst in einigen Kunden- und Förderprojekten für innovative Lebensmittelverpackungen involviert. Für die ProSweets Cologne ist Packaging and Packaging Materials ein zentrales Angebotssegment. Daher arbeitet die Messe schon seit längerem mit PACOON zusammen, um seinen Kunden der Süßwaren- und Snackbranche die innovativsten Lösungen vorzustellen. Das Thema Nachhaltigkeit nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein. Daher hat die ProSweets Cologne die Chance genutzt, um mit Peter Désilets über seine Reuse-Strategie und nachhaltige Wege der Verpackung zu sprechen.

Das Thema Nachhaltigkeit ist aktuell in aller Munde, gerade wenn es um das Thema Verpackung geht. Welche Rolle spielt das Thema bei PACOON und welche Maßnahmen ergreifen Sie bereits?

Das Thema Nachhaltigkeit ist aktuell in aller Munde, gerade wenn es um das Thema Verpackung geht. Welche Rolle spielt das Thema bei PACOON und welche Maßnahmen ergreifen Sie bereits?

Désilets: Da wir als Packungsdesigner tagtäglich mit Verpackungen aller Art zu tun haben, haben wir uns schon 2008 entschieden, das Thema Nachhaltigkeit bei Verpackungen stärker zu betrachten und uns seitdem als führende Agentur in Europa für nachhaltige Verpackungslösungen etabliert. Demnächst werden wir auch unser Büro in Hamburg mit Expertise in nachhaltigen Packungskonzepten ausbauen, weil die Nachfrage immer stärker zunimmt und wir unseren Service auch noch näher vor Ort anbieten möchten.

Unser Ziel ist es, den Unternehmen die Lösungen von morgen nahe zu bringen und Trends und Lösungen aufzuzeigen. Daher gehen wir seit Anfang an quasi in Vorleistung: Seit 2009 ist unsere Agentur klimaneutral, 2012 haben wir unsere erste SOLPACK – Internationale Konferenz für nachhaltige Verpackungen organisiert – inzwischen gab es schon davon vier, inkl. einer Digitalveranstaltung in 2020. Wir verfolgen seit etwa einem Jahrzehnt die Entwicklung bei Biokunststoffen, haben immer wieder neuartige Packungskonzepte präsentiert, von denen einige dann später vom Markt aufgegriffen wurden trotz der anfänglichen Bedenken vieler Seiten. 2015 haben wir schon die Entwicklung der ursprünglichen Carlsberg Faserflasche als zukunftsweisendes Konzept präsentiert, ab 2016 das Thema Recycling in den Vordergrund gerückt, 2017 mit ersten frei zugänglichen Workshops zu Recyclingaspekten in der Sortierung gestartet und noch vor der Zentralen Stelle einen Leitfaden erstellt. Seit 2018 rücken wir Papierrecycling in den Fokus und richten das Augenmerk auf die neuen Barrierefunktionen in Faserverpackungen. In 2019 haben wir damit begonnen, die Entwicklung eines internationalen Reuse-Systems zusammen mit vielen Partnern im In- und Ausland voran zu treiben, das wir CYRCOL genannt haben. Es gibt viele Strömungen im Markt, dabei ist es wichtig, die langfristigen von den mittelfristigen zu unterscheiden.

Vision einer nachhaltigen Reuse-Strategie (Copyrights: Pacoon)

Vision einer nachhaltigen Reuse-Strategie (Copyrights: Pacoon)

Welche Vision verfolgen Sie mit der Reuse-Strategie? Welche Idee steckt dahinter?

Désilets: Da wir das Thema „Nachhaltige Verpackung“ ganzheitlich betrachten und beobachten, sind wir immer stärker zu dem Schluss gekommen, dass die Verwendung von Einwegverpackungen und ein halbherziges Recycling nur die unbefriedigende Situation verschönert, aber nicht behebt. In ein paar Jahren wird es neue Recyclingverfahren in industriellem Maßstab geben, die dann mit den besserem Rezyklat mehr Optionen bieten werden. Aber wir glauben, dass nur die Wiederverwendung langfristig das Abfallproblem beheben kann. Dazu müssen wir der Packung einen Wert verleihen, müssen dafür sorgen, dass immer weniger Verpackung als Abfall in der Natur landen. Wir sehen in Deutschland, dass weit über 90 % der Reuse-Verpackungen oder Pfandflaschen wieder zurückgegeben werden und somit nicht in der Natur enden oder quasi sofort verbrannt werden. Reuse ist auch mehr als das bekannte Mehrweg, Reuse beinhaltet abgepackte Produkte genauso wie unverpacktes Einkaufen im Shop, beim Metzger oder Gemüsehändler, Refill am Automaten, To Go z.B. bei Süßwaren und Snacks und Restaurant Delivery bis hin zu E-Commerce-Versandpackungen.

Welche Herausforderungen bringt ein Reuse-System heutzutage mit sich?

Désilets: Ein ‚Mehrweg‘-System wie wir es von Flaschen oder Gläsern kennen, ist nicht mehr zeitgemäß. Es funktioniert, aber es gerät an seine Grenzen. Daher haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, das komplette System zu hinterfragen und disruptiv neu aufzustellen. Die Hürden für Unternehmen fangen da an, Behälter kaufen zu müssen, um sie in Umlauf zu bringen. Eine eigene Reinigungsanlage zu etablieren, kontinuierlich viel Geld zu bewegen und viele Kilometer im Transport zurückzulegen, wobei die Behälter in der Regel immer gleich viel Platz benötigen, ob sie leer oder voll sind. Von Gebinden, die ins Ausland gehen, wollen wir da gar nicht erst sprechen. Die Flaschen und Gläser mögen standardisiert sein, aber die Transportkisten sind markenindividuell. Die Kisten müssen also wieder zurück zum Hersteller und mit ihnen die Gläser und Flaschen – die auch gern mal kaputt gehen oder mit teil toxischen Substanzen ein schönes Aussehen bekommen. Wir haben bei unseren Befragungen der Industrie zwei ganz wesentliche Hürden ausfindig gemacht: das hohe CO2-Aufkommen durch den Transport und die hohen Anfangs-Investitionen in Behälter und Reinigung.

Welche Lösungsansätze bietet Pacoon, um diese Herausforderungen zu meistern?

Désilets: Unser Ansatz ist international, mit regionalen Strukturen für die Sammlung, Reinigung und Verteilung; standardisierte Packungen als Pay-per-Use zu nutzen, aber mit der Option, auch individuelle Verpackungen einzusetzen. Wir wollen jedes einzelne Verpackungselement codieren und identifizieren und können es dadurch individuell verfolgen und bewerten. Individualisierte Verpackungen sind dann kein Problem, ich kann hinterher sogar jeder Verpackung den individuellen Transportweg oder Reinigungsaufwand zuordnen, die Nutzungsdauer und -häufigkeit zuschreiben, den eingesparten CO2-Fußabdruck anrechnen und den Verbraucher ganz anders involvieren. Wir können modulare und standardisierte Packungen entwickeln und diese ganz individuell einsetzen, wenn der Produktschutz gewahrt ist. Am Ende will der Verbraucher eine einfache Rückgabestation, wo er alle Reuse-Packungen abgeben kann – vielleicht sogar durch Abholung bei ihm zuhause. All diese Aspekte haben wir heute schon durch ein Partnernetzwerk im Fokus und können es im Entwicklungsprozess testen.

Wiederverwendbare Verpackung für Dünnfolienverpackung (Copyrights: Pacoon)

Wiederverwendbare Verpackung für Dünnfolienverpackung (Copyrights: Pacoon)

Welche Einsatzszenarien sehen Sie für das Reuse-System? Gibt es bereits Kunden, die dieses nutzen?

Désilets: Wir haben bisher noch keine Branche ausgemacht, wo ein Einsatz von Reuse nicht denkbar wäre. Sicherlich haben einzelne Branchen ganz spezielle Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Aber wir sind auch im Austausch mit existierenden Mehrweglösungen – oder wir sagen lieber Reuse-Packungen – und wir sehen heute schon sehr viele Anwendungen, die langfristig gut in das System integriert werden können. Food, Non Food, DIY, E-Commerce, Elektro, Textilien und Schuhe, To Go – die Brandbreite von Einsatzmöglichkeiten ist enorm. Auch für die Süßwaren- und Snackbranche sind solche Lösungen denkbar. Insbesondere aus dem Snacking-Bereich, z.B. für die von uns schon skizzierte Snacklösung für Chips, gibt es schon klare Bekenntnisse der Industrie, an einer Reuse-Lösung mit zu arbeiten. Aus dem Bereich Weingummi ist das Interesse ebenfalls groß, das können Sie dann häufig 1:1 übertragen für Bonbons oder Kaugummi.

Das Cyrcol Reuse System (Copyrights: Pacoon)

Das Cyrcol Reuse System (Copyrights: Pacoon)

Unser System in Gänze gibt es noch nicht, aber es kommen aktuell sehr viele neue Verpackungslösungen für Reuse auf den Markt, wir bekommen ein sehr gutes und positives Feedback auf unseren Systemansatz, von allen Stakeholdern, von einigen haben wir schon einen Letter of Intend erhalten, dass sie uns unterstützen wollen. Daher streben wir aktuell Fördermittel an, um die wichtigsten Herausforderungen wir Hygiene, Reinigung, Codierung oder Verpackungsentwicklung umzusetzen. Einen ersten regionalen Testmarkt können wir dann auch mit bestehenden Reuse-Packungen betreiben und die Akzeptanz testen, vielleicht sogar schon über kooperierende Partnerinitiativen in Dänemark, Schweden oder der Schweiz. Das Netzwerk wächst kontinuierlich. Und wir beabsichtigen, nach der Gründung unseres Unternehmens auch Crowdfunding zu nutzen – wir werden übrigens ein Unternehmen in Verantwortungseigentum gründen, damit die zukünftigen Gewinne wieder zweckgerichtet reinvestiert werden und vor reinen Finanzinteressen bewahrt sind. So wollen wir uns auch mit CYRCOL als Unternehmen zukunftsgerichtet aufstellen.